Gespräch · Schauder
Sprecher · 12
Wann
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Regen fällt auf die Metropole Revachol, überall um dich herum. Regen tropft von den Traufen, strömt in die Gossen und spült den Schmutz fort.
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Der Winter entlässt die Stadt aus seinem harten Griff. Die Schmelze setzt ein, der Frühling naht.
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Feucht. Dein Mantel schützt dich vor dem Regen, während die Stadt um dich herum erschaudert.
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Ein Stau. Regen trommelt auf die Dächer der Motorfahrzeuge. Die Fahrer in den Kabinen beobachten das Wasser, das ihre Windschutzscheiben hinunterströmt. Die Statue eines Königs erschaudert. Auch ihr ist kalt. Die Kanalbrücke wurde hochgezogen.
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Die Straße steigt an; eine Motorstraße windet sich auf einer Hochtrasse über das Ghetto. Unter ihren Betonpfeilern erstreckt sich ein Meer aus Dächern, Gebälk und Teer nordwärts. Vierstöckige Gebäude verschwinden am Horizont im niedergehenden Regen. In Jamrock schmilzt der Schnee.
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In der verregneten Ferne über den Dächern Jamrocks erhebt sich über der Motorstraßenabfahrt eine zur Polizeiwache umfunktionierte Seidenspinnerei. Das 41. Revier krümmt sich unter dem Regen.
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Patrol Officer Judit Minot steht unter dem Vordach des Eingangs und versucht, ihren großen schwarzen Regenschirm aufzuspannen.
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Der Polizeiarzt des Reviers, der gerade auf einem Lutschbonbon kaut, wirft ihr im Vorbeigehen einen fragenden Blick zu: „Brauchst du Hilfe damit?“
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„Nein. Danke. Ich krieg das schon hin.“ Sie schafft es, den Regenschirm zu öffnen, und nickt dem Chirurgen kurz lächelnd zu, bevor sie die Treppenstufen hinabeilt. Überall um sie herum prasselt der Regen nieder …
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Deine Sicht verschwimmt. Du wischst dir mit der Hand das Gesicht ab. Der Regen reizt deine Augen und zwingt dich dazu, den Blick zu heben und zu blinzeln.
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Satellite-Officer Jean Vicquemare hastet die Treppenstufen des Reviers hinunter, einen ungeöffneten Schirm in der Hand. Er wirkt nicht sonderlich erfreut über den Frühlingsregen.
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Auf der Brücke halten die Officers Torson und McLaine Wache. Torson trägt Jeans und ein Netzunterhemd. Satellite-Officer Vicquemare kommt an ihnen vorbei, und der junge Mann macht eine Bemerkung …
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„So ist das nicht. Sie sind das, was man Hetero-Lebenspartner nennt. Sie führen eine kampferprobte Hassbeziehung. Einen ‚Bröderbund‘, wenn man so will.“
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„Sehr witzig, diese Nachäffung.“ Vicquemare kämpft mit dem Schirm. Die Stangen ragen aus seinem Stoffdach. „Typischer Männerhumor am Arbeitsplatz. Habt ihr ihn gesehen?“
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„Nein, es ist alles in Ordnung. Aber … Judit hat bei ihm zu Hause vorbeigeschaut und die Post vom Montag hat noch im Briefkasten gesteckt. Ich glaube, er ist noch dort. Ihr seid nicht zufällig am Wochenende mit ihm saufen gewesen?“
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„Mit diesem Tier? Nie wieder, Mann. Wie jetzt? Er ist immer noch da unten, in … Ihr wisst schon, da unten, südlich von der Anschlussstelle? Wie … hieß das noch mal?“
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„Ich frage mich, ob Vic seinen verschollenen Liebsten schon gefunden hat.“ Er sieht zu Chester McLaine hinüber und bricht über seinen eigenen Witz in Gelächter aus. Draußen fällt Regen.
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„Mack, sie sind Hetero-Lebenspartner – nicht das, was du denkst“, entgegnet sein Partner mit einem Grinsen. „Aber ja. Bei den beiden hängt der Haussegen schief. Tequila Sunset hat …“ Das Regengeprassel wird so laut, dass es seine Stimme verschluckt.
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An einer Straße dort, die gleich einem trüben Fluss durch den Schnee fließt, zu beiden Seiten gesäumt von baufälligen Holzhäusern. Eine Videothek öffnet dem Regen ihre Türen, ein gepanzerter Motorwagen rast an der Ecke vorbei, an der ihr immer gemeinsam spazieren gegangen seid … Plötzlich stellen sich die Härchen auf deinem Rücken auf.
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… MEINE GEDANKEN, MEIN HERZ, MEIN LEBEN, MEINE WELT REICHT VOM ERSTEN BIS ZUM VIERTEN STOCK.
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Damit du in Martinaise sein kannst, wo niemand hinwill. Am Abflusspunkt eines seit langem vergessenen Kanals, im weißesten Teil der Stadt. Im Schatten des Tages, an dem die Revolution scheiterte.
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Du stehst im Regen und blickst nach Norden, wo sich Jamrock – Rock City – landeinwärts erstreckt.
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Revachol ist die Hauptstadt der Welt. Jamrock ist die Hauptstadt Revachols. An deinen Wimpern bilden sich Tropfen.
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Strömender Regen über dem Wasser. Eine Treppe, die in den Ozean führt. Welle um Welle, die gegen die von Motorbooten und sanft schaukelndem Schilf geprägte Küste von Martinaise brandet.
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In einem Meeresarm zerfallen die Überreste einer halb versunkenen Seefestung. Jenseits der Bucht von Revachol ragen Geister in den Himmel.
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Es sind die Wolkenkratzer des Finanzviertels La Delta. Aus den Bürofenstern sickert mattgoldenes Licht.
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Nein. Du bist nur einer von Hunderttausenden, die Tag für Tag sehen, wie sie sich auf der anderen Seite der Bucht von Martinaise erheben.
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Deine Haare sind fettig, unordentlich und mit der Asche aus nahen Kohleaufbereitungsanlagen meliert. Irgendwo in der Ferne erheben sich Schornsteine in den Himmel.
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Eine städtische Küstenlinie, an der Regen von eternitbeschichteten Dächern tropft. Übriggebliebene Betonziegel eines zur Hälfte abgeschlossenen Bauvorhabens. Ein stillgelegtes Forschungs- und Entwicklungsgebäude, das einst von Revolutionären erobert wurde. Auf Pfählen erhebt sich eine alte Holzkirche über dem Wasser.
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Eingestürzte Gullys. Alte, von Regenwasser überflutete Abwassersysteme. Geheime Waffenverstecke aus der Revolutionszeit. Türen, die zu Le Royaume hinabführen – zu den Katakomben, in denen dreihundert Jahre lang die blaublütigen Toten zur letzten Ruhe gebettet wurden.
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Kartenpunkte
1- Beobachtung · MartinaiseBeobachtungDialoge · 1