Gespräch · Sonntagsfreund
Sprecher · 23
Wann
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„Vor der Revolution war dieses Gebäude eine luxuriöse Adresse. Damals waren die Wohnungen natürlich deutlich größer – hier und da wurden einige Wände eingezogen, so dass einige Mieter nun weder über ein eigenes Badezimmer noch über eine Küche verfügen …“
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„Aber der unbezahlbare Ausblick bleibt. Den kann einem niemand nehmen.“ Er klopft gegen die Balkontür, und sein Gesicht spiegelt sich im abgedunkelten Glas.
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„Wie hat irgendwer irgendwen kennengelernt? Schreckliche Geschehnisse auf der insulindischen Isola. Lodernde Ölplattformen in der Nacht. Jahrelang tobende Bürgerkriege – bis die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen gezwungen ist.“
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„Au contraire. Auf diese Weise landen Millionen von Menschen dort, wo sie sind, und lernen die Menschen kennen, die sie kennenlernen. Das hat mich – und auch meinen Freund – hergeführt.“
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„Es ist eines der Wunder der Demokratie, dass jeder seine eigene Meinung haben darf.“ Er tastet suchend seine Taschen ab. „Und er darf es nicht nur – er wird sogar dazu ermutigt. Pflegen Sie eigentlich den geselligen Austausch? Vielleicht in einem Club?“
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Komm schon, das ist so pubertär. Außerdem wird dieser Mann ihn auf keinen Fall verstehen.
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„Ja, ich bin sozusagen ein Meister des geselligen Austauschs. Ganz besonders in Clubs.“ (Du wischst dir etwas unsichtbaren Dreck von der Schulter.)
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„Oh! Das ist wundervoll. Es soll riesigen Spaß machen. Leider habe ich keine Zeit, um neue Hobbys auszuprobieren …“
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„Einen Debattierclub für Erwachsene. Für den geselligen Austausch unter Gleichgesinnten. Da soll man riesigen Spaß haben. Ich hatte mal ein Flugblatt von einem, aber …“
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„Aber jetzt fällt mir wieder ein, dass es sowieso ein Flugblatt für einen Improvisationskurs war. Sie wissen schon, dieses witzige Theaterding“, er bewegt seine Finger, „sehr kreativ – hilft, Stress abzubauen.“
Als du dir ein halbes Dutzend Leute in Anzügen vorstellst, die um einen Stuhl herumstehen und unbeholfen versuchen, so zu tun, als warteten sie auf einen Motorbus, läuft es dir kalt den Rücken herunter. Das ist weder witzig noch kreativ.
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„Ach, mein Freund. Mein Freund ist ein anständiger junger Mann. Seine Familie ist aus Kedra eingewandert, und er hatte kein leichtes Leben. Aber er weiß um die Bedeutung von Bildung. Er hat seine Zukunft selbst in die Hand genommen, und nur das zählt.“
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„Die Koalition behält nur la Preisstabilité im Auge.“ Er hebt einen Zeigefinger. „Inflation ist tödlich, wie eine Herzkrankheit, die den normalen Wirtschaftskreislauf lähmt – deshalb bedarf sie der Kontrolle …“
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„Die Wirtschaft beeinflusst die gesamte internationale Gemeinschaft und muss deshalb international beaufsichtigt werden.“
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- „Was ist diese internationale Gemeinschaft?“
- „Also sind Sie ein Bürokrat?“
- „Was ist die Moralintern?“
- „Erzählen Sie mir von Oranje.“Gemerkt · 1
- „Was ist la Preisstabilité?“
- „Wir haben genug über Berufliches gesprochen. Reden wir über etwas anderes.“
- „Okay, aber was machen Sie hier in dieser Wohnung?“
- „Erzählen Sie mir von Sur-la-Clef.“
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„La Communauté internationale ist die umgangssprachliche Bezeichnung der Revacholer für die Koalition. Anders formuliert handelt es sich dabei um die Nationen, die das Desaster der Revolution gestoppt haben.“
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„Strenggenommen Ihren Arbeitgeber. Die Revachol regierende Obrigkeit. Die BMR ist nur ein Teil dieser provisorischen Verwaltung.“
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„Ja. Wie ich bereits sagte, bin ich ein Bevollmächtigter aus Sur-la-Clef und arbeite für das Institut für Preisstabilité.“ Er wirft einen Blick auf seine Uhr. „Dies ist eines der Hauptprojekte der Moralintern.“
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Augenblick, es gibt gar kein Institut für Preisstabilité, oder? Oder vielleicht doch …? Gott, bei Moralisten weiß man nie, ob sie gerade Witze machen oder nicht.
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„Ich habe von dieser Moralintern gehört, aber ich möchte mehr über sie erfahren.“
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„Das ist die internationale Organisation für Moralisten. Deshalb heißt sich auch ‚Moralistische Internationale‘. Das Institut für Preisstabilität ist nur eines ihrer vielen geistigen Kinder – ebenso wie die Koalition.“
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- (Du drehst dich zu Kim.) „Das heißt also, dass wir Huren der Moralintern sind?“
- (Du drehst dich zu Kim.) „Also bin ich eigentlich gar kein Lakai des Kapitals, sondern eine Hure der Moralintern?“
- „Oooh …“ (Du drehst dich zu Kim.) „Also arbeiten wir eigentlich für die Moralintern? Klingt gar nicht so schlecht.“
- (Du drehst dich zu Kim.) „Also bin ich eigentlich gar kein Sklave fremder Interessen, sondern eine Hure der Moralintern?“
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„Dass man seine Arbeit erledigt, macht einen nicht automatisch zu jemandes Hure. Abgesehen davon kann man für weitaus schlimmere Mächte arbeiten als für die Moralintern.“
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- (Du drehst dich zu Kim.) „Das heißt also, dass wir Huren der Moralintern sind?“
- (Du drehst dich zu Kim.) „Also bin ich eigentlich gar kein Lakai des Kapitals, sondern eine Hure der Moralintern?“
- (Du drehst dich zu Kim.) „Also bin ich eigentlich gar kein Sklave fremder Interessen, sondern eine Hure der Moralintern?“
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„Weil Moralisten an eine normale, stabile Welt glauben, in der demokratische Werte herrschen.“
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„Martinaise ist nicht sonderlich stabil – daran ändert auch das Geld nichts, das wir von der Moralintern bekommen.“
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„Revachol ist insgesamt … schwierig. Die Führung obliegt einer Übergangsregierung, vollständige Demokratie ist also noch nicht erreicht …
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„Aber es wird darauf hingearbeitet! Sie schlagen sich hier alle verhältnismäßig gut.“ Er nickt dir anerkennend zu.
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- „Jedes Mal, wenn ich mit Menschen rede, habe ich das Gefühl, Option D – ‚Keine der obengenannten Antworten‘ – zu wählen … Ist das Moralismus?“
- „Ich glaube nicht, dass ich Moralist bin. Moralismus klingt unglaublich langweilig. Ich will mehr Action.“
- „Moralismus ist die Ideologie ausländischer Besatzer. Revachol muss von Revacholern regiert werden!“
- „Die Demokratie ist ein bedeutungsloser Schwindel, solange sich die Arbeiterklasse unter dem Stiefelabsatz des Kapitals befindet.“
„Jedes Mal, wenn ich mit Menschen rede, habe ich das Gefühl, Option D – ‚Keine der obengenannten Antworten‘ – zu wählen … Ist das Moralismus?“
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„Beim Moralismus dreht sich alles um Kompromisse und die Kunst, das Mögliche zu erreichen. Er ist pragmatisch, realistisch und vernünftig – eine Ideologie für Macher. Sind Sie ein Macher, mein Freund? Auf mich wirken Sie wie einer.“
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„Aber beenden wir dieses anregende politische Intermezzo. Wollten Sie noch etwas anderes fragen?“
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- „Sind wir wirklich so böse, weil wir Kompromisse, Frieden und Wohlstand wollen – zu vernünftigen, erreichbaren Bedingungen? Fragen Sie sich das mal.“
- „Sie bewegt sich in die richtige Richtung, und das ist alles, was zählt. Fortschritt wird in Zentimetern gemessen, mein Freund.“
- Das Lächeln, das er dir schenkt, könnte direkt von einem Wahlkampfplakat stammen. Es ist die Art von Lächeln, die zielgruppenspezifischen Tests unterzogen wird, um das leichtgläubigste Stimmvieh anzusprechen.
- Die viele Trinkerei verhindert, dass du in absehbarer Zeit irgendwen um dich scharen wirst – und das weiß er.
- „Beim Moralismus dreht sich alles um Kompromisse und die Kunst, das Mögliche zu erreichen. Er ist pragmatisch, realistisch und vernünftig – eine Ideologie für Macher. Sind Sie ein Macher, mein Freund? Auf mich wirken Sie wie einer.“
- „Ihre vollständige Autonomie ist wichtig, dem stimme ich zu. Aber das ist ein Entwicklungsprozess. So etwas geschieht nicht über Nacht.“