Gespräch · Liliennes Zwilling
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„Bitte nicht …“ Als er dich ansieht, steigen dem Jungen Tränen in die Augen. Sie sind dunkel und rund. Der Wind zerzaust ihm die Haare.
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Als er dich ansieht, steigen dem Jungen Tränen in die Augen. Sie sind dunkel und rund. Der Wind zerzaust ihm die Haare.
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„Fang nicht an zu weinen“, sagt sein Bruder und fügt mit einem Flüstern hinzu: „Tut mir leid.“
Der andere Junge setzt sich wieder gerade hin. „Ich fange nicht an zu weinen, Doofi“, antwortet er schnell und bekommt sein bibberndes Kinn wieder unter Kontrolle.
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„Es ist nicht falsch, sich umzubringen. Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen. Ich schließe nur noch diesen letzten Fall ab und dann, peng, war’s das hier.“
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„Ich weiß nicht …“ Der Junge, der es behauptet hatte, ist sich jetzt unsicher. Er sieht sich um.
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„Sagen wir mal ja.“ Der Lieutenant hebt die Augenbrauen und holt sein Notizbuch hervor.
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„Hallo, Jungs. Eure Schwester hat mir erzählt, dass ihr Ärger bekommen habt, weil ihr böse Wörter benutzt habt.“
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„Ja.“ Der Junge dreht einen Stein in seiner Hand herum. „Wir haben böse Wörter gehört und sie gesagt – und Ärger bekommen …“
„Böse Wörter“, sagt der andere und nickt geistesabwesend. „Böse, böse Wörter …“
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Benimm dich wenigstens ein bisschen würdevoll. Du musst vor den Kindern nicht fluchen.
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Halt mal die Luft an, Puzzlekopf, hier herrscht Alarmstufe Rot! Wenn wir alle bösen Wörter noch einmal durchgehen, wird es nur noch verlockender, sie auszusprechen – vor den Kindern. Und das wollen wir nicht.
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„Böse Wörter sind schlecht. Benutzt sie nicht, Kinder. Sie sind der Einstieg in eine Verbrecherkarriere.“
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„Machen wir nicht“, sagt der kleine Junge. In der kalten Luft rückt er seine Mütze zurecht.
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Gut gemacht. Ich weiß, dass du in Versuchung warst, ficken zu schreien, aber du hast deinen Trieb beherrscht. Alle Achtung.
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„Weiter im Text. Wo habt ihr die bösen Wörter gehört – vielleicht von jemandem an der Küste? Im Rundfunk?“
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„Wir haben nur komische Stimmen gehört.“ Der Junge zuckt mit den Schultern, seine Jacke raschelt dabei leise.
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„Wir haben die Stimmen komisch gefunden.“ Der Bruder nickt. „Wir haben es nachgeplappert, und dann haben wir Ärger bekommen …“
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„Rundfunk? Was ist das?“ Der Junge zieht seine Rotznase hoch. „Wir haben sie nur gehört. Im Kopf.“
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Stimmen eines anderen Ichs? Stimmen eines tieferliegenden Ichs? Stimmen einer … Schizophrenie im Frühstadium?
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„Nee.“ Der Junge schüttelt den Kopf. „Nur Leute, die ganz schnell geredet haben.“
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„Äh …“ Er kratzt sich am Kopf. Er sieht seinen Zwilling an – der nickt – und dann fängt er an. „So was wie … ‚Endlich ist es soweit, meine bösen Speedfreaks! Unser Brudi wird erwachsen!‘“
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Eine Erinnerung keimt auf. Diese Sprüche wie aus der Maschinenpistole hast du schon einmal gehört.
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„‚DJ Flacio ist jetzt ’n Großer, und seine Debütsingle ist da! Schnallt euch an, denn das ist das schnellste Dreckszeug, das ihr je hören werdet.‘“
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„Nein!“ Sein Bruder schneidet ihm abrupt das Wort ab. „Keine bösen Wörter sagen, du Idiot!“
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Gottchen, welch wunderbare Interpretation diese zwei Tuuuunichtguuuute uns hier und heute dargeboten haben! Fehlerfreies Memorieren! Möglicherweise werden sie sich in den darstellenden Küüünsten als Doppelconference großer Beliebtheit erfreuen.
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„Wenn Sie fertig sind, müssen wir kurz reden.“ Der Lieutenant räuspert sich. Er macht ungewöhnlich große Augen.
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Der Junge zieht einen scharfkantigen Stein über den Boden. Er hinterlässt einen weißen Kratzer.
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Irgendwo in Revachol schaltet der Lieutenant den Rundfunk ein. Sein Kopf nickt fast unmerklich zu einem brachialen Titel. Er muss von dieser Geschichte erfahren.
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„Du weißt schon.“ Er zeigt auf seinen Kopf. Seine Finger sind rot vor Kälte. „Hab’ Leute reden gehört. Aber nur in meinem Kopf!“
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Der Junge blinzelt. „Fffff…“ Trotz seiner Bemühungen bekommt er das unbekannte Wort nicht über die Lippen.
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„Ff…“ Der andere Junge versucht sich daran. Erst sieht er wissbegierig seinen Bruder an, dann dich. „Was bedeutet das?“
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„Nichts. Was ist passiert? Wo habt ihr böse Wörter gehört? Von jemandem an der Küste? Im Rundfunk?“