Das Fallbuch zittert in deiner Hand. Die Seiten rascheln. Dieser erbärmliche Wust hat plötzlich aus irgendeinem Grund Angst vor dir.
Lesestoff
Fallbuch der Vergessenheit
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Es dauert etwa eine halbe Stunde, um mit dem von dir erarbeiteten System eine davon zusammenzusetzen. Welche möchtest du?
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MORD – ta-ta-ta-ta! – IN DER SHISHABAR war ein Fall, der ursprünglich einem Officer namens Joseph Mills zugewiesen wurde, der inzwischen verstorben ist. Aufgrund von Ursachen, die nichts mit dem MORD IN DER SHISHABAR zu tun haben.
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- Er wurde von einer Schar von Gangmitgliedern aus Villalobos zu Tode geprügelt, als er und sein Partner J. M. (es werden nur die Initialen erwähnt) eines Nachts einem Anruf folgten. Es ist eine traurige Geschichte, und sie kommt in deinen Fallakten eigentlich kaum vor. Hör auf, deine Zeit zu verschwenden, und lies dir endlich MORD IN DER SHISHABAR durch.
- MORD – ta-ta-ta-ta! – IN DER SHISHABAR war ein Fall, der ursprünglich einem Officer namens Joseph Mills zugewiesen wurde, der inzwischen verstorben ist. Aufgrund von Ursachen, die nichts mit dem MORD IN DER SHISHABAR zu tun haben.
Joseph Mills war an einem Fall dran, den er einfach nicht gelöst bekam. Er arbeitete allein. Meinte, der Fall sei eine echte Herausforderung. Eine richtig harte Nuss. Er knobelte etwa einen Monat lang daran herum, bis der Captain ungeduldig wurde. Scheißen oder runter vom Topf, Mills.
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Mills stieg nicht vom Topf – noch nicht. Er machte noch ein paar Wochen lang weiter, zerbrach sich den Kopf, versuchte es mit jeder erdenklichen Theorie, so seltsam sie ihm auch erschien. Und trotzdem konnte er den MORD IN DER SHISHABAR immer noch nicht lösen. Ein schwieriger Fall, meinte er. Der härteste, den er je gehabt hatte.
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- Nein, er war miserabel. Einen schrecklichen Sinn für Humor hatte er auch. Die schlimmsten Witze, die du je gehört hast. Wirklich schlimm. Trotzdem … Er war schon seit Monaten am Fall dran. Er meinte, es sei DER ENDGÜLTIGE FALL. Bezeichnete ihn als UNKNACKBAR. Der Mörder hatte sich in Luft aufgelöst. Diese verdammte Shishabar war alles, worüber er redete.
- Mills stieg nicht vom Topf – noch nicht. Er machte noch ein paar Wochen lang weiter, zerbrach sich den Kopf, versuchte es mit jeder erdenklichen Theorie, so seltsam sie ihm auch erschien. Und trotzdem konnte er den MORD IN DER SHISHABAR immer noch nicht lösen. Ein schwieriger Fall, meinte er. Der härteste, den er je gehabt hatte.
Okay, der Fall wird also dir übergeben, weil Mills nicht weiterkommt. Und du kümmerst dich darum. Hier eine Zusammenfassung: Ein junger Mann wird tot in einer Shishabar gefunden. Du weißt schon, einer dieser Läden, wo man den ganzen Tag Kaugummidämpfe raucht.
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- Okay, der Fall wird also dir übergeben, weil Mills nicht weiterkommt. Und du kümmerst dich darum. Hier eine Zusammenfassung: Ein junger Mann wird tot in einer Shishabar gefunden. Du weißt schon, einer dieser Läden, wo man den ganzen Tag Kaugummidämpfe raucht.
- Nein, das ist nur Ruß und Wasserdampf. Das bewirkt nichts.
Kann man so sagen. Na, jedenfalls – ein junger Mann, in seinen Zwanzigern, wurde mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Direkt auf dem Boden der Shishabar. Mitten am Tag. Niemand sonst in der Nähe. Er war der einzige Gast an diesem Tag. Er war kerngesund und von Beruf Filmproduzent oder so.
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Niemand kommt rein, niemand geht raus. Er zieht den ganzen Morgen und den ganzen Mittag an seiner Wassermelonenshisha, seiner üblichen Bestellung. (Er ist dort Stammgast.) Keine Anrufe, nichts. Er zieht nur an der Wasserpfeife, bis 15:45 Uhr. Dann, peng – liegt er tot auf dem Boden, den Schädel aufgeschlagen, überall Blut. Was ist passiert? Wie kann das sein?
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- Eher wirklich blöd. Na, jedenfalls – ein junger Mann, in seinen Zwanzigern, wurde mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Direkt auf dem Boden der Shishabar. Mitten am Tag. Niemand sonst in der Nähe. Er war der einzige Gast an diesem Tag. Er war kerngesund und von Beruf Filmproduzent oder so.
- Kann man so sagen. Na, jedenfalls – ein junger Mann, in seinen Zwanzigern, wurde mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Direkt auf dem Boden der Shishabar. Mitten am Tag. Niemand sonst in der Nähe. Er war der einzige Gast an diesem Tag. Er war kerngesund und von Beruf Filmproduzent oder so.
Mills hat keine Ahnung. Ein unsichtbarer Attentäter. Filmdeal gescheitert. Das Mädchen an der Theke muss es gewesen sein. Nichts passt zusammen. Unheimlich. Der Mann ist einfach tot umgefallen. Also gehst du in die Bar. Du siehst Kissen um den Tisch herum. Der Tisch ist niedrig, schwer, sehr scharfkantig …
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Er zog an der Wasserpfeife, stand auf, wurde ohnmächtig, schlug sich den Kopf am Tisch an und starb?
Siehst du! Du kannst das Ding nicht einmal lesen, ohne es zu lösen. Ja. Das war’s. Es stellte sich heraus, dass die Wasserpfeife sehr wohl etwas bewirkt: Sie schnürt die Sauerstoffversorgung des Gehirns ab. Und man merkt es nicht, bis man aufsteht, um auf die Toilette zu gehen.
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- Ja, er mochte seine Shisha. Sein Name war Steven.
- Siehst du! Du kannst das Ding nicht einmal lesen, ohne es zu lösen. Ja. Das war’s. Es stellte sich heraus, dass die Wasserpfeife sehr wohl etwas bewirkt: Sie schnürt die Sauerstoffversorgung des Gehirns ab. Und man merkt es nicht, bis man aufsteht, um auf die Toilette zu gehen.
Shisha rauchen. Hast du das nicht mitbekommen? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er sich ein Drehbuch für einen Film ausdenken. Wie auch immer, das war MORD IN DER SHISHABAR, Joseph Mills war kein guter Detective, und es sind etwa dreißig Minuten vergangen, um das Ganze zusammenzufügen. Was jetzt?
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- Okay, der Fall wird also dir übergeben, weil Mills nicht weiterkommt. Und du kümmerst dich darum. Hier eine Zusammenfassung: Ein junger Mann wird tot in einer Shishabar gefunden. Du weißt schon, einer dieser Läden, wo man den ganzen Tag Kaugummidämpfe raucht.
- Nein, das ist nur Ruß und Wasserdampf. Das bewirkt nichts.
Eher wirklich blöd. Na, jedenfalls – ein junger Mann, in seinen Zwanzigern, wurde mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Direkt auf dem Boden der Shishabar. Mitten am Tag. Niemand sonst in der Nähe. Er war der einzige Gast an diesem Tag. Er war kerngesund und von Beruf Filmproduzent oder so.
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Nein, er war miserabel. Einen schrecklichen Sinn für Humor hatte er auch. Die schlimmsten Witze, die du je gehört hast. Wirklich schlimm. Trotzdem … Er war schon seit Monaten am Fall dran. Er meinte, es sei DER ENDGÜLTIGE FALL. Bezeichnete ihn als UNKNACKBAR. Der Mörder hatte sich in Luft aufgelöst. Diese verdammte Shishabar war alles, worüber er redete.
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Er wurde von einer Schar von Gangmitgliedern aus Villalobos zu Tode geprügelt, als er und sein Partner J. M. (es werden nur die Initialen erwähnt) eines Nachts einem Anruf folgten. Es ist eine traurige Geschichte, und sie kommt in deinen Fallakten eigentlich kaum vor. Hör auf, deine Zeit zu verschwenden, und lies dir endlich MORD IN DER SHISHABAR durch.
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In der Zwischenzeit hat sich nicht viel geändert – ein Haufen durchnässter Papiere hängt immer noch vom Klemmbrett herunter.
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Dieser Fall hat es in sich. Nicht weit vom 41. Revier – in Jamrock-Mitte – gibt es ein achtstöckiges Apartmentgebäude mit zweihundert Bewohnern. Es ist mitten im Winter, Januar. Es schneit. Jemand schlägt seine Frau. Es ist halb eins nachts.
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Es geht eine Beschwerde ein – niemand ist da, um sie entgegenzunehmen. Also folgst du dem Ruf der Pflicht. Die Prügelei findet im achten Stockwerk statt. Du nimmst den Aufzug nach oben. Das Gebäude knarrt. Es ist höllisch kalt. Ein heruntergekommenes altes Gebäude. Betonplatten, überall Ratten.
Und in der Wohnung ist es auch nicht gerade gemütlich. Als du ankommst, ist der Ehemann schon weg. Seine Frau hat eine aufgeplatzte Lippe, das Gesicht ist geschwollen. Die Augen sind geschlossen. Sie können sich nicht trennen, schließlich bilden sie eine wirtschaftliche Einheit. Genießen ein schönes Leben in dieser schönen Mietwohnung.
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Ja, Bullen machen das so. Während du pinkelst, siehst du einen großen Riss in der Wand. In der Außenwand des Gebäudes. Du kannst die kalte Luft spüren, die hereindringt. Du fährst mit dem Aufzug nach unten und blickst nach oben – ein großer Riss verläuft an der Außenwand des ganzen Gebäudes entlang.
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Die Neigung liegt jenseits des Punktes der maximalen Abweichung von der schwerkraftbelasteten Senkrechten. Das bedeutet, dass das Gebäude einstürzt – ganz egal, was man tut.
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Ganz richtig. Du wurdest in der Polizeischule dafür ausgebildet. Jeder muss sich für eine zivile Spezialisierung entscheiden, damit die Stadt am Laufen gehalten werden kann: Feuerschutz, Erste Hilfe und so weiter. Du hast dich für einen Kurs in Gebäudesicherheitsbestimmungen entschieden. Und die sagen dir, dass dieses Gebäude … einstürzen wird.
Vielleicht nicht heute Abend. Vielleicht nicht einmal morgen. Vielleicht nicht übermorgen, aber es stürzt ein. In ein paar Tagen. Es ist physikalisch gesehen unmöglich, dass es nicht so kommt. Und die zweihundert Leute da drin? Sie werden alle mit einstürzen. Die Frau mit der kaputten Lippe, der Ehemann, der sie schlägt, ihre Kinder im anderen Zimmer …
Der Betrunkene auf dem Flur. Das Mädchen im Aufzug, als du nach oben fuhrst. Die lachenden Jugendlichen, die auf der Treppe geraucht haben. Das Paar von nebenan, das den Anruf getätigt hat. Sie werden alle sterben.
Aber draußen ist es eiskalt. Und es gibt keine Stadtregierung in Revachol. Keinen Ort, an dem man diese Leute unterbringen könnte. Zweihundert Leute können nicht einfach für ein paar Tage zu ihrer Tante gehen. Und vor allem gibt es niemanden, der erkennt, dass das Gebäude einstürzt. Keine Behörden außer dir.
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Dir gehen äußerst schlechte Gedanken durch den Kopf. Also rufst du deinen Partner an. JV (nur Initialen vorhanden) ist wach. Er kommt sofort. Er hat zwar selbst nicht Gebäudesicherheit belegt, aber er glaubt dir. Er bringt fünf weitere Officers mit. Zusammen klopft ihr an jede Tür und erklärt die Situation.
Die tragende Senkrechte. Die maximale Abweichung. All das … Manche Leute glauben dir. Die meisten jedoch nicht. Manche muss man zwangsräumen. Manche richten sogar ihre Pistole auf dich. Es dauert zwanzig Stunden, das ganze Gebäude zu evakuieren. Zweihundert Menschen stehen draußen in der Kälte. Die Kinder weinen.
Dein Captain bringt die Leute in einem halb abgebrannten Gebäude 10 km südlich unter. Es hat schwarzen Schimmel und kein Dach, aber hey – besser als der Tod.
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Und dann ist das Gebäude nicht eingestürzt. Bis heute nicht. Das war vor zweiundfünfzig Tagen. ABER DAS IST NICHT DER PUNKT. Der Punkt ist … es wird einstürzen.
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Letztendlich weiß es niemand. Die Mathematik besagt, dass es einstürzen muss. Doch die Optik zeigt, dass es das nicht tut. Es ist, als ob ein böser Geist das Wohngebäude zusammenhält. Wie eine Falle, die die Leute wieder hineinlockt. Einen nach dem anderen. Sie kehren bereits zurück … Mindestens vierzig von ihnen leben jetzt wieder dort.
Genau in diesem Augenblick. Und du kannst sie nicht davon abhalten, zurückzugehen, weil sie dich hassen. Sie verabscheuen dich. Sie glauben, du hättest sie aus ihrem Zuhause vertrieben. Mit jedem Tag verabscheuen sie dich mehr – und jeden Tag kehren mehr von ihnen zurück.
Ganz genau. Diese Notizen waren sehr deutlich. Es scheint, als hättest du diesen Fall gründlich dokumentiert. So, welchen willst du jetzt als Nächstes lesen? (Denn es gibt nichts, was du gegen das EINSTÜRZENDE WOHNGEBÄUDE tun kannst).