Gespräch · Graufahrerin
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„Ach, ein High ist damit nicht zu vergleichen, Xerife. Im Gegenteil, ich reise ganz nach unten …“ Sie schließt die Augen und hängt ihrem Tagtraum nach.
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Ja, es gibt ihr definitiv einen Kick, einen furchtbaren Kick im Dunkeln … Wahrscheinlich ist es das Grau. Dieses „Grau“ klingt echt abgefahren.
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„Dann ist es eben Schmuggelware, Gesetzesvollstrecker. Und? Wollen Sie eine alte Frau aufs Revier bringen? Tun Sie sich keinen Zwang an. Sperren Sie mich ein wie Hermenegildo den Handlanger.“
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Hermenegildo der Handlanger hat dreihundert Leute mit seinen bloßen Händen erwürgt. Was soll ich sagen – manche Leute fahren darauf ab, andere zu erwürgen.
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Ja, es gibt ihr definitiv einen Kick, einen furchtbaren Kick im Dunkeln. Wie ein Aufzucken im Schlaf. Vielleicht kannst du es später herausfinden …
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„Auch das bin ich nicht, Xerife.“ Ihr Lächeln verschwindet. „Das alles habe ich längst hinter mir gelassen. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was zwischen meinen Beinen ist. So ist das, wenn man Fernstrecken fährt.“
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„Gesetzesvollstrecker“, begrüßt sie dich. „Sie kommen gerade richtig. Wegen diesem furchtbaren Wetter kann ich nicht schlafen. Da können Sie mich mit Ihren Fragen unterhalten.“
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Die Frau sitzt immer noch vorgebeugt am Geländer. Ihr Kopf bewegt sich im Takt zur Musik; ihre Augen sind auf nichts Bestimmtes gerichtet.
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Der Blick der Frau ist noch immer auf das Foto in ihren Händen gerichtet. Im Hintergrund dudelt das Rundfunkgerät.
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- Es ist so warm wie ein Feuer in einer Winternacht. Vielleicht kann sie dir Unterkunft und Trost gewähren? Zigaretten und Geld für Essen? Vielleicht ist sie deine …
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- Der Blick der Frau ist noch immer auf das Foto in ihren Händen gerichtet. Im Hintergrund dudelt das Rundfunkgerät.
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„Ich verstehe nicht, warum Sie so auf etwas fixiert sind, was auf mich wie ein … privater Nebenauftrag wirkt, aber wenn Sie darauf bestehen, dann bringen wir es hinter uns …“
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- „Warum?“
- „Wenn Sie meinen …“ [Ende.]Gemerkt · 1
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„Wo bin ich? Wer sind Sie?“ Wie ein Magier, der eine Versuchsperson aus der Hypnose weckt, hast du sie in die Realität zurückgeholt.
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Das Lächeln auf ihrem Gesicht ist verschwunden, ersetzt vom misstrauischen Anblick eines in die Enge getriebenen Tieres.
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„Schon gut“, seufzt sie. „Jetzt erinnere ich mich. Ich stecke immer noch im Stau fest. In den Fünfzigern“, fügt sie verächtlich hinzu.
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„In Mesque, während der Revolution.“ Ihr Lächeln kehrt zurück. „Die Gehwege und Cafés voller junger Leute … Ich war gerade unterwegs, um mir einen neuen Boiadeirofilm mit Gabriel Buenguerro anzusehen.“
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„Das ist Gabriel Buenguerro …“ Sie zeigt dir das Foto in dem aufwendigen Bernsteinrahmen.
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Dir starrt ein verblüffend gutaussehender Mann entgegen. Auf seinem Kopf sitzt ein breitkrempiger Hut. Seine Haare sind so dunkel wie Ölschlick, und sein Kiefer ist der am perfektesten geformte, den du je zu Gesicht bekommen hast.
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Der Mann hat es ihr echt angetan. Auch fünfzig Jahre später kannst du es noch spüren …
„Zu seiner Zeit gab es keinen größeren Star. Wenn er auf der Leinwand erschien, fielen Mädchen in den Kinos reihenweise in Ohnmacht, und die Schuljungen lernten all seine Dialoge auswendig …“ Sie lehnt sich zurück und genießt die Welt, die sie heraufbeschworen hat.
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Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das eine Welt, die außerhalb ihres Kopfes nie existiert hat.
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„Warum nicht, Xerife? Schließlich habe ich in diesem Drecksloch gerade nichts Besseres zu tun.“ Sie lehnt sich wieder gegen das Geländer ihres Lastwagens. Hinter ihr türmen sich auf dem Armaturenbrett bergeweise Erinnerungsstücke, Fotos und Nippes.
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Irgendwas stimmt mit dieser Frau nicht. Sag, sie soll dir die Sohlen von ihren Stiefeln zeigen. Vielleicht war sie bei der Hinrichtung dabei … irgendwie?
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„Es sind jemandes Erinnerungen, Junge.“ Plötzlich ist ihr Tonfall barsch. „Was spielt es für eine Rolle, ob es um mich geht oder nicht?“
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„Sie sind schön. Alles andere spielt keine Rolle. Schön und wahr – und sie werden siegen. Sie kommen hierher, müssen Sie wissen …“ Sie sieht sich um. „Wegen all dem hier.“
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Dieser seltsame Gedanke scheint ihr ein bitteres Vergnügen zu bereiten. Als ob die Vergangenheit eines Tages die Gegenwart auslöschen wird, wie eine sich nähernde Flutwelle.
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„Ich habe nicht geträumt. Ich war dort, Gesetzesvollstrecker. Es war Frühlingsbeginn, und Der Mann hinter der Schwarzen Sonne war gerade angelaufen. Die Plakate waren zwanzig Meter hoch. Alles war golden …“ Sie kneift die Augen zusammen, um dich zu mustern.
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„Während Sie und Ihresgleichen sich wegen Ihrer albernen kleinen Revolution zerfleischten, war es ein goldenes Zeitalter in Mesque.“
Die Republik Mesque ist eine riesige Konföderation auf der Isola Mundi und flächenmäßig der größte Staat der Welt. Sie ist ein Ölstaat, eine konstitutionelle Monarchie und seit kurzem aufgrund eines extremen Rechtsrucks ein Pariastaat.